HERZLICHE EINLADUNG:

In seiner 16. Veranstaltungsreihe diskutierte der AKS Dresden mit Praktiker*innen, Hochschulvertreter*innen und Interessierten die Themen Flucht, Migration und Asyl sowie Spannungsfelder Sozialer Arbeit. Im Nachgang entstand das vorliegende Denkpapier. Es dokumentiert begonnene Diskussionen und führt sie zum Teil weiter.

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Januar 2010; Corax 1/2010

Inklusion? Von wegen!

Soziale Arbeit schließt aus! Eine Polemik.

Inklusion ist das zentrale Versprechen der Sozialen Arbeit an die Menschen und die Gesellschaft. In Abgrenzung zum modernen Begriff der Integration meint Inklusion, Menschen als Individuen mit ihren Unterschiedlichkeiten und Differenzierungen an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen; besser noch: ihre Beteiligung zu erkämpfen. Die Akzeptanz von Andersartigkeit, das Recht auf Scheitern und Abweichungen von der Norm bestimmt das Maß an Inklusion. In den Entwicklungen der letzten Jahre zeigt sich, dass Soziale Arbeit zunehmend in einem problematischen Maß durch Unterlassung oder bewusste Ausgrenzung selbst ausschließt:

-          Soziale Arbeit hat zunehmend wieder kontrollierende Anteile. Deutlich wird dies an den Maßnahmen im Rahmen des Kinderschutzes, wo Screeningmodelle bestimmte (Familien in Armutslagen, Alleinerziehende, in bestimmten Wohnquartieren lebende, etc.), und damit stigmatisierte Bevölkerungsgruppen unter verstärkte Beobachtung stellt oder in der Arbeitslosenverwaltung, wo sich Soziale Arbeit an der Kontrolle und Normierung von Lebensstilen beteiligt.

-          Geschlossene und hochspezialisierte Angebote der Jugendhilfe werden verstärkt nachgefragt und auch angeboten, während niedrigschwellige Angebote (Jugendarbeit) zurückgefahren werden.

-          Maßnahmen der Jugendhilfe werden spät oder gar nicht gewährt. In Dresden wird beispielsweise in der Regel vor Ablauf von drei Monaten überhaupt keine Hilfe gewährt.

-          Massenhaft werden junge Menschen in sogenannten ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen von Sozialer Arbeit geparkt, ohne dass die Gründe für diese Situation ausreichend von Sozialer Arbeit benannt werden. Die Verantwortung für die Lage, in der sich diese jungen Menschen befinden, wird (bewusst oder unbewusst) ihnen selbst angelastet.

-          Das SGB VIII spricht bewusst nicht von „deutschen“ Kindern und Jugendlichen, für die Leistungen der Jugendhilfe zu erbringen sind.  Alle hier lebenden Kinder und Jugendlichen sind von Jugendhilfe in den Blick zu nehmen.  Jugendarbeit in Sachsen nimmt sich den Kindern und Jugendlichen, die als Asylsuchende in Sachsen leben aber weitgehend nicht an; macht ihnen keine Angebote und spricht sie nicht an.

-          Soziale Arbeit nutzt zunehmend das Konstrukt der politischen Extremismusidee, wo es um Rechtsextremismus gehen müsste und diskriminiert damit junge Menschen, die sich gegen Intoleranz und Rechtsextremismus engagieren.

-          In der Arbeitslosenverwaltung beteiligt sich Soziale Arbeit in hohem Maße an der Verhinderung von Leistungsgewährung. In den letzten Jahren sind hier verstärkt SozialarbeiterInnen eingesetzt worden.

-          Die Praxis der jährlichen Beantragung, verbunden mit der prekären Lage der öffentlichen Haushalte führt wieder zu Stigmatisierungen der AdressatInnen der eigenen Arbeit, um diese zu legitimieren.

All diese Entwicklungen zeigen, dass Soziale Arbeit sich an Exklusion, also der Ausgrenzung selbst verstärkt beteiligt. Selbstverständlich ist Soziale Arbeit an den dahinter liegenden gesellschaftlichen Entwicklungen und der Verknappung von Ressourcen nicht schuldig. Was Soziale Arbeit aber sträflich versäumt, ist die Thematisierung und Problematisierung dieser gesellschaftlichen Prozesse. Zunehmend lässt sich Soziale Arbeit mehr als Exklusionsvermeidend denn als Inklusionsvermittelnd beschreiben. Holzschnittartig lassen sich die Gründe dafür folgendermaßen kennzeichnen:

-          Erkennbar ist eine Zunahme von Ängsten in der Bevölkerung, verstärkt in der aktuellen Krise. Dazu kommen die sprachlichen und konzeptionellen Neubewertungen „Sozialer Dienstleistungen“ im Kontext von „Fördern und Fordern“, von denen auch SozialarbeiterInnen nicht unbeeindruckt geblieben sind.

-          Daraus folgt als Antwort auf diese Ängste und Neubewertungen eine Zunahme an gesellschaftlich geforderter und umgesetzter Kontrolle und Reglementierungen durch Sozialverwaltungen, Justiz, Polizei und eben auch Sozialer Arbeit.

-          Daneben ergibt sich aus der Lage der öffentlichen Haushalte, die sich aktuell weiter verschärft eine Verknappung finanzieller und personeller Ressourcen, die systemkonformes Verhalten im Interesse des Überlebens des eigenen Projekts fördert.

-          Durch die in den letzten Jahren ausufernd sich verschlechternden prekären Beschäftigungsarten von SozialarbeiterInnen hat sich eine Verunsicherung in der Berufsgruppe breit gemacht, die wiederum kritische Impulse untergräbt.

-          Die Ausdifferenzierung der TrägerInnenlandschaft Sozialer Arbeit, u.a. durch die Hinzunahme privatgewerblicher AnbieterInnen trägt zu kleineren Einheiten in der Angebotslandschaft bei.

Aus all diesen Entwicklungen folgen Anpassungsdruck gegenüber dem öffentlichen Träger, die ausfüllende Beschäftigung mit der Absicherung der eigenen Arbeit, die Stigmatisierung der AdressatInnen der eigenen Arbeit, die unkritische Übernahme öffentlicher Aufträge im Sinne der Dienstleistungsorientierung und aus all diesem eine weitgehende Entpolitisierung Sozialer Arbeit, die mittlerweile wieder verstärkt daran mitarbeitet, Menschen und Gruppen von Menschen auszugrenzen. Diese Entwicklung ist nicht hinzunehmen.

Björn Redmann, Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Dresden