HERZLICHE EINLADUNG:

In seiner 16. Veranstaltungsreihe diskutierte der AKS Dresden mit Praktiker*innen, Hochschulvertreter*innen und Interessierten die Themen Flucht, Migration und Asyl sowie Spannungsfelder Sozialer Arbeit. Im Nachgang entstand das vorliegende Denkpapier. Es dokumentiert begonnene Diskussionen und führt sie zum Teil weiter.

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Juni 2009; Corax 4/2009

Was tun für gelingendes Aufwachsen – gegen geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe!

 

Sächsische Jugendhilfe lässt jedes Jahr junge Menschen einsperren – in Maßnahmen der „Geschlossenen Unterbringung“ – in Brandenburg und Bayern. Die Diskussionen um Formen von geschlossener Unterbringung flammt wieder auf und es gibt erneut Bestrebungen (z.B. in Leipzig), diese in Sachsen auch einzurichten.

 

In Sorge um den Zustand der Jugendhilfe und in Sorge vor den Auswirkungen, wenn solche Formen doch in Sachsen etabliert werden sollten, haben VertreterInnen  von vier JugendhilfeträgerInnen, einer Hochschule und des Arbeitskreises „Kritische Soziale Arbeit Dresden“ über mehrere Monate ein Positionspapier entwickelt, dass sich gegen Formen geschlossener Unterbringung in Sachsen wendet und Alternativen im Umgang der sächsischen Jugendhilfe mit den Mädchen, Jungen und ihre Familien in schwierigen Lebenslagen darstellt.

 

Die Situation im Umgang mit den Mädchen und Jungen mit komplexen Problemlagen lässt sich kurz folgendermaßen skizzieren: Die Hilfen für die Jungen und Mädchen werden tendenziell spät gewährt, was mit den unter Druck geratenen öffentlichen Haushalten erklärt werden muss; es werden in einer Art Hierarchie vorerst ambulante Hilfen in den Familien gewährt, dann teilstationär untergebracht und später erst vollstationär. Wenn diese Hilfen alle nicht den gewünschten Erfolg erbracht haben, werden diese Mädchen und Jungen von Wohngruppe zu Wohngruppe übergeben, weil sich Einrichtungen im Umgang mit diesen jungen Menschen überfordert fühlen. Nach zahlreichen Hilfeabbrüchen werden dann spezialisierte Angebote angefragt und in letzter Zeit auch wieder verstärkt geschlossene Einrichtungen der Jugendhilfe. Nicht selten geschieht dies gegen den Willen der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Da Sachsen keine Einrichtung geschlossener Art hat, werden dann Hilfen in anderen Bundesländern gewährt. Genaue Zahlen dazu liegen nicht vor; allerdings muss von 10 bis 30 sächsischen Jugendlichen ausgegangen werden, die beispielsweise in Brandenburg oder Bayern geschlossen untergebracht werden.

 

Was es aber braucht, ist eine fachlich, personell und finanziell gut ausgestattete Jugendhilfe, die Angebote rechtzeitig und ausreichend vorhält und die Vernetzung mit anderen Institutionen im Interesse der Mädchen und Jungen aufbaut und pflegt. Eine Instanz allein (Jugendhilfe) kann nicht allein in der Lage sein, Lebenslagen, die aus gesellschaftlichen Umständen resultieren, zu bearbeiten. Für diese gemeinsame Verantwortung der Jugendhilfe und weiterer Erziehungs-, Bildungs-, Rechts- und Gesundheitsinstanzen hat der Gesetzgeber aber die öffentlichen und freien Kinder- und JugendhilfeträgerInnen gemeinsam verantwortlich gemacht und hier besteht ein klarer Auftrag. Das Dilemma für die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe besteht nicht in einem Rechtssetzungsdefizit, sondern darin, dass das geltende Recht nicht hinreichend umgesetzt wird.

 

Wenn Hilfen früher und gezielter gewährt werden, sich die Einrichtungen der Jugendhilfe flexibel, qualitativ hochwertig, beteiligungsorientiert und als Lebensorte aufstellen, vernetzt arbeiten und den Verlockungen der geschlossenen Unterbringung widerstehen und öffentliche und freie TrägerInnen eine gemeinsame Verantwortung für eine verlässliche Hilfestruktur übernehmen, kann „Hilfe zur Erziehung in Würde und Freiheit“ ohne geschlossene Formen auskommen.

 

Deshalb fordert das Positionspapier für Sachsen:

-          Keine Formen der geschlossen Unterbringung/ freiheitsentziehender Maßnahmen in der Kinder – und Jugendhilfe zuzulassen!

–      Frühzeitige Entwicklung von erforderlichen, differenzierten Maßnahmen und Bereitstellung bedarfsgerechter Angebote für junge Menschen!

–      Bereitstellung von erforderlichen strukturellen, organisatorischen und fachlichen Rahmenbedingungen, die flexible und individuelle Hilfesettings ermöglichen: Nicht die Fehler sondern  das Fehlende ist zu fokussieren!

–      Systematische und dialogische Qualifizierung von Hilfeplanungen unter Mitwirkung fallbeteiligter Personen und Institutionen!

–      Verbindliche/ verpflichtende und zielorientierte Kooperationen zwischen Kindertageseinrichtungen, Schulen, Jusitz, Psychiatrie und Kinder- und Jugendhilfe als unabdingbare Voraussetzung zu befördern und zu bewirken: Die Probleme sind in aller Regel im gesellschaftlichen Kontext entstanden und auch nur in diesem lösbar!

-          Jugendhilfe muss immer wieder einfordern, dass ihr die Voraussetzungen dafür zugebilligt werden, den gesetzlich fixierten Aufgaben bedarfsgerecht nachkommen zu können!

Mittlerweile haben 52 Personen und TrägerInnen dieses Positionspapier unterzeichnet. Auch Sie können unterzeichnen unter www.aks-dresden.org

 

Björn Redmann, Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Dresden