HERZLICHE EINLADUNG:

In seiner 16. Veranstaltungsreihe diskutierte der AKS Dresden mit Praktiker*innen, Hochschulvertreter*innen und Interessierten die Themen Flucht, Migration und Asyl sowie Spannungsfelder Sozialer Arbeit. Im Nachgang entstand das vorliegende Denkpapier. Es dokumentiert begonnene Diskussionen und führt sie zum Teil weiter.

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Plädoyer für eine Solidarische Soziale Arbeit

DISKUSSIONSSPAPIER DES ARBEITSKREISES KRITISCHE SOZIALE ARBEIT DRESDEN

Solidarische Soziale Arbeit

 12. Januar 2013

 

Soziale Arbeit ist Teil der praktischen Sozialpolitik und damit Teil staatlicher Herrschaftsverhältnisse. Integration und Exklusion sind die Spannungspunkte zwischen denen sie stattfindet.

Die von Sozialer Arbeit betroffenen Menschen, wie auch die professionelle Soziale Arbeit selbst sind gesellschaftlich in besonderem Maße belastet.  Im Kampf um die Verteilung von öffentlichen Mitteln, in den Forderungen nach einer evidenzbasierten Sozialen Arbeit, in der gesellschaftlichen Rückkehr autoritärer Ansprüche  und der Einschränkung öffentlich verfügbarer und durch die Menschen gestaltbarer Räume zeigen sich die Auswirkung einer zwanzigjährigen neoliberalen Politik in Deutschland.

 

Ausgegrenzte und marginalisierte Gruppen stehen einem „aktivierenden Sozialstaat“ gegenüber, der an Stelle von Teilhabe nun Selbstverantwortung und Eigenleistung fordert.  Soziale Arbeit wird als Relikt eines angeblichen unbezahlbaren Sozialstaates alter Prägung verstanden, dem mittels „Neuer Steuerung“, „Dienstleistungsorientierung“, „Qualitätsmanagement“ und Forderungen nach erhöhter Effizienz gewissermaßen „Beine gemacht werden müsste“.  Die belasteten Zielgruppen (z.B. Migrant_innen, Jugendliche, Armutserfahrene, Schulverweigernde, Psychisch Kranke, Arbeitslose, Drogen Konsumierende, Unangepasste, etc.) treffen auf eine höchst verunsicherte Soziale Arbeit, die sich tendenziell nicht mehr in der Lage sieht, unvoreingenommen, spontan, adressat_innenbezogen und flexibel Unterstützungsangebote mit denjenigen zu entwickeln, die darauf angewiesen sind.

 

Der Sozialen Arbeit werden erhöhte Anstrengungen, Konzentration auf die Arbeit mit Erfolg versprechenden Adressat_innen, Kreativität im Einwerben von Drittmitteln und Spenden, Unsicherheiten in der Förderung und insgesamt eine veränderte Art des „Helfens“ abverlangt. Des lässt eine veränderte Soziale Arbeit entstehen. Eine  große Zahl von engagierten Kolleg_innen steht erschrocken und staunend vor diesen Veränderungen und fühlt sich diesen gegenüber machtlos.  Und die Träger Sozialer Arbeit und ihre Wohlfahrtsverbände schützen zunehmend nicht mehr die sozial Marginalisierten und die Soziale Arbeit vor dieserart „neosozialen Entwicklungen“. Im Gegenteil forcieren sie mit betriebswirtschaftlicher „Marktorientierung“ Strukturen, die prekäre Arbeitsverhältnisse für die in der Sozialen Arbeit Beschäftigten zur Folge haben. Die Aufdeckung von Widersprüchen in der sozialpolitischen Agenda und Spielräumen in der eigenen Arbeit werden dabei den Beschäftigten allein überlassen.

 

Gegen diese Entwicklungen braucht es eine Wiederentdeckung und eine Neuformulierung des Solidarischen in der Sozialen Arbeit. Es ist und bleibt Aufgabe Sozialer Arbeit, selbstkritisch und dialogisch die Interessen der Betroffenen wahrzunehmen, konzeptionell die Lebensverhältnisse der Betroffenen zu reflektieren und praktisch wie politisch sichtbar zu machen, was Solidarität bedeutet. Soziale Arbeit muss sich wieder als Bestandteil des historischen Emanzipationsprozesses verstehen. Dieses Diskussionspapier soll dazu erste Ansatzpunkte liefern.

 

Solidarische Soziale Arbeit beschreibt Lebenslagen benachteiligter Bevölkerungsgruppen  als öffentliches und politisches Problem

Keine andere Profession hat einen derart umfassenden Einblick in die Lebenslagen und Lebenswelten sozial bedrängter Individuen und Gruppen. Diese Kenntnisse und dieses Wissen verpflichten Sozial Arbeitende zur gesellschaftlichen Kommunikation der Folgen der Unterordnung nahezu jeder Lebensäußerung unter Bedingungen kapitalistischen Marktes und Wettbewerbs. Dies bezieht auch die zunehmende Unterordnung jeglicher Bildung unter Verwertungskriterien mit ein (z.B. Kita, Schule, Berufsausbildung, Hochschule).  Insbesondere Bereiche von Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Deliquenz und Abweichenden Verhalten sind aber besonders betroffen. Solche Beschreibungen und Analysen können nur -  wollen sie  erfolgreich sein - skandalisierend und ungeschönt erfolgen. All die angesprochenen Prozesse und die Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe gründen auf politischen Entscheidungen und sind somit adressierbar und revidierbar. Darzustellen ist, welche bewussten Entscheidungen politischer Verantwortungsträger_innen und Akteur_innen in der Sozialen Arbeit mitursächlich sind. Zu skandalisieren ist, welcher politisch und wirtschaftlich veränderte Zeitgeist herrscht und welche begrifflichen Uminterpretationen wirksam sind (z.B. „Kindeswohl“ oder „Empowerment“). Die Beschreibung der Lebenslagen marginalisierter Bevölkerungsgruppen und der Verweis auf deren Ursachen ist die sozialpolitische Querschnittsaufgabe Sozialer Arbeit und damit Aufgabe aller Sozial Arbeitenden.

Solidarische Soziale Arbeit nutzt  reflektierte Begriffe des Sozialen

Die Begriffe von Solidarität, Fördern, Helfen und Unterstützen sind in der neueren Vergangenheit massiv umgedeutet oder nicht mehr benutzt worden. Ein gesellschaftliche Entwicklungen reflektierender Sprachgebrauch macht es nötig, sich gängigen und versandeten sprachlichen Wegen zu verweigern und den Missbrauch offen zu legen. Begriffe wie „Solidarität“, „Hilfe zur Selbsthilfe“ oder „Emanzipation“ sind reflektiert und in ihrem ursprünglichen kritischen Gehalt zu verwenden. Politik, Öffentlichkeit und Soziale Arbeit haben weitgehend unterschiedliche Verständnisse dieser Begriffe. Die nach außen gerichteten Beschreibungen Solidarischer Sozialer Arbeit müssen genau, verständlich, vielleicht ganz neu und nah an den Lebenswelten der Adressat_innen Sozialer Arbeit formuliert sein.

Solidarische Soziale Arbeit ist fundamental demokratisch

Das kritische Nachdenken über Gesellschaft („In welcher Gesellschaft wollen wir leben“) wird aktuell  diffamiert als, meist linksextreme, Variante systemgegnerischer Aktivitäten. Wer die Demokratie und die UN-Menschenrechtskonvention als Grundlage sozialarbeiterischer Profession und sozialpolitischer Aktivität fundamental versteht, kann innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung die Rechte der Betroffenen massiv stärken und Unterstützungen einfordern sowie gegen antidemokratische Entwicklungen (z.B. Ausgrenzung aufgrund von Armut, Geschlecht, Nationalität, Aufenthaltsstatus etc.) arbeiten. Fundamental für diese Perspektiven ist aber auch die demokratische Gestaltung der eigenen Arbeitsverhältnisse im System der Sozialen Arbeit.

Solidarische Soziale Arbeit solidarisiert sich mit den Verlierern neosozialer Politik

Soziale Arbeit soll Inklusion möglich machen, soziale Teilhabe befördern und ermöglichen. Die umfassende Erfüllung dieser Ziele Sozialer Arbeit ist nicht zuletzt angesichts der Veränderung ihres Auftrages und ihrer unzureichenden Ressourcen strukturell gefährdet. Mit allem, was Sozialer Arbeit an Möglichkeiten geblieben ist,  wirken die Sozial Arbeitenden nachhaltig der Exklusion entgegen  und binden die  Menschen wieder in Kommunikationsprozesse und soziale Zusammenhänge ein. Ziel ist hierbei die Herstellung von Gegenöffentlichkeit und Gegenmacht.

 

Solidarische Soziale Arbeit agiert nie gegen die beteiligten Menschen

Wer sich professionell für die Belange marginalisierter Bevölkerungsgruppen einsetzt, darf nicht Gefahr laufen, das eigene Mandat ohne die Adressat_innen zu entwickeln. Die sozialpolitische Analyse muss rückgekoppelt werden mit den Erfahrungswelten der Menschen. Das ermöglicht und erfordert das gemeinsame und gleichberechtigte Entwickeln von sozialpolitischen und sozialarbeitspraktischen Interventionen. Das gemeinsame Handeln mit den Adressat_innen muss im Selbstverständnis und in den Aktionen einer Solidarischen Sozialen Arbeit gestärkt und selbstverständlich werden.

 

 

Solidarische Soziale Arbeit entwickelt Formen von Widerstand

Protagonist_innen neosozialer Politik agieren machtvoll und gegenüber den Betroffenen übergriffig. Deshalb muss Solidarische Soziale Arbeit hier machtvolle Aktionen entgegensetzen. Soziale Arbeit kann auf die Erfahrungen von gesellschaftlichen Bewegungen (z.B. Frauenbewegung, Umwelt- oder Occupy-Bewegung) oder auf Erfahrungen mit Selbstverwaltungsprojekten und Gemeinwesenarbeit zurückgreifen. Es reicht nicht mehr, gemessen an der aktuellen Politik und deren Folgen, zu warnen oder zu rufen. Trotz aller Einschränkungen hat Soziale Arbeit noch die Spielräume, die Fähigkeiten und die Zeit, sich nachhaltig für veränderte gesellschaftliche Bedingungen des Lebens und Aufwachsens einzusetzen. Aber auch eine Strategie des Aufklärens über neosoziale Prozesse allein kann keine nachhaltige Wirkung erzielen. Soziale Arbeit muss Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Gruppen eingehen und sich gemeinsam mit  Adressat_innen an widerständigen Aktionen beteiligen. Gleichzeitig gilt es Formen der Einmischungsstrategien weiterzuentwickeln, z. B. in der Bildungs-, Beschäftigungs- oder Armutspolitik.

 

Solidarische Soziale Arbeit ist Verweigerung

Der öffentliche Auftraggeber Sozialer Arbeit verknappt Ressourcen und macht unmoralische Angebote. Solidarische Soziale Arbeit wehrt sich gegen eine Zunahme von Repression und Kontrolle in der Praxis. Sie macht dies gegenüber den Adressat_innen und der Gesellschaft deutlich und sucht Wege der Aufgabenerfüllung im Interesse der Menschen. Gleichzeitig werden die Arbeitsbedingungen der Sozialarbeitenden und die Fachstandards für die Erfüllung der Aufgaben teilweise dramatisch verschlechtert. Diese Tendenzen müssen öffentlich sichtbar, erklärt und bekämpft werden. Dazu sind Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Gruppen, den Vorgaben von Gesetz- und Geldgeber_innen sowie den Strategien der marktorientierten „Sozialwirtschaft“ notwendig. Leitorientierungen hierfür sind die Prinzipien der Menschenwürde, einer gerechten Gesellschaft, die Interessen der Menschen und die professionseigenen fachlichen Standards. Solidarische Soziale Arbeit vertritt konsequent das Soziale in der Gesellschaft!

 

Solidarische Soziale Arbeit ist Praxis!

Solidarische Soziale Arbeit ist kritisch gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Sie ist praktisch und beginnt jetzt; vor Ort, im Konkreten und entsprechend dem Prinzip „lokal handeln - global denken“. Sie ist nicht erwartbar aber möglich. Eine andere Welt ist möglich; eine andere Soziale Arbeit ist möglich!