HERZLICHE EINLADUNG:

In seiner 16. Veranstaltungsreihe diskutierte der AKS Dresden mit Praktiker*innen, Hochschulvertreter*innen und Interessierten die Themen Flucht, Migration und Asyl sowie Spannungsfelder Sozialer Arbeit. Im Nachgang entstand das vorliegende Denkpapier. Es dokumentiert begonnene Diskussionen und führt sie zum Teil weiter.

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Oktober 2009
Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Dresden

Welche Jugendarbeit machen wir eigentlich?

Appell des Dresdner AKS an Jugendarbeiter/-innen und Träger der Jugendarbeit

Aufgabe aller Jugendarbeit ist es, „dazu bei[zu]tragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen“ (§ 1, Abs. 3, Satz 4, SGB VIII). Der Auftrag, die diesem Ziel zuwiderlaufenden Verhältnisse kritisch zu betrachten und zu ändern, wird von der Jugendarbeit nach unserer Beobachtung kaum noch wahrgenommen. Hintergründe dafür sind natürlich die strukturellen Vorgaben von Projektförderungen, befristete Verträge und zurückgehende Finanzmittel für die Jugendarbeit. Allerdings scheint der Jugendarbeit auch die eigene Motivation als gestaltende Kraft verloren gegangen zu sein. Um es klar zu sagen: Jugendarbeit muss sich besinnen auf die Kernaufgabe: eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu schaffen, will sie den Anspruch des SGB VIII nicht aufgeben. Dafür braucht Jugendarbeit aber eine Erneuerung, oder besser gesagt: eine Wiederentdeckung des Politischen an der Jugendarbeit. Was dafür nötig ist, wollen wir folgend als Ansatzpunkte für eine Diskussion (nicht als abschließende Aufzählung) entwickeln. In Dresden und in Sachsen ist die Umsetzung der Prinzipien des SGB VIII noch immer keine Selbstverständlichkeit. Alle können etwas tun; alle müssen etwas tun!

  1. Auf der Ebene der Jugendarbeiter/-innen

    • Um an den Bewältigungsaufgaben junger Menschen passgenau anzusetzen, sind neben der Beobachtung und Analyse dieser auch aktuelle repräsentative sozialwissenschaftliche Studien (z.B. Shell- Jugendstudie, Kinder- und Jugendberichte des Landes und des Bundes, etc.) zu verfolgen.

    • Um die Lebens- und Aufwachsbedingungen von Mädchen und Jungen nachhaltig zu verbessern, muss eine sozialräumliche Arbeit, die über die Arbeit in der Einrichtung hinaus geht entwickelt werden. Das heißt, dass zum Einen das Aufsuchen von Treff- und Aufenthaltsorten von jungen Menschen zur Arbeit gehört wie andererseits auch die Mitarbeit in sozialräumlichen Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen (AG nach § 78 SGB VIII, Bündnisse für Jugend, etc.), bzw. deren Gründung wenn diese nicht vom öffentlichen Träger initiiert werden.

    • Um an den sozialräumlichen Entwicklungen mitwirken zu können, sollten Jugendarbeiter/-innen kontinuierlich die lokale oder regionale politische Berichterstattung sowie Veröffentlichungen in der Fachpresse verfolgen. Der Träger stellt Fachpresseerzeugnisse bereit.

    • Jugendarbeiter/-innen sollten sich gewerkschaftlich sowie in Berufsverbänden organisieren, um damit ihre eigenen Interessen stärker in der Gesellschaft vertreten zu können.

    • Die Jugendhilfeausschüsse sind die Gremien, an denen strukturell an den Lebens- und Aufwachsbedingungen auf der jeweiligen kommunalen Ebene mit entschieden wird. Um deren Arbeit zu verbessern, müssen Jugendarbeiter/-innen Informationen über Lebens- und Problemlagen von jungen Menschen an die Ausschussmitglieder weitergeben und direkte Kontakte zwischen Jugendlichen und Ausschussmitgliedern herstellen.

    • Das SGB VIII richtet sich an alle Kinder und Jugendlichen. Daher muss der/die Sozialarbeiter/-in auch die Perspektive der jungen Ausländer/-innen und Asylberwerber/-innen ebenso in den Blick nehmen wie geschlechtsspezifische Bedarfe zu berücksichtigen. Der Tendenz, Angebote der Jugendarbeit ausschließlich für so genannte Benachteiligte zu unterbreiten, ist im Sinne des § 1 SGB VIII entgegenzuwirken.

    • Um die Qualität der Jugendarbeit weiterzuentwickeln, soll der/die Jugendarbeiter/-in den Anstellungsträger dazu drängen, die jeweils gültigen Fachstandards einzuhalten. Nur eine flächendeckende Arbeit mindestens auf der Basis der allgemein anerkannten Standards sichert ausreichende Bedingungen, um die Vorgaben des SGB VIII umzusetzen. Für die Anerkennung dieser Standards soll der/die Jugendarbeiter/-in im Zweifel auch die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Träger suchen.

    • Um Strukturen nachhaltig zu verändern und die Arbeitsbedingungen zu verbessern (siehe § 1 Abs. 3 Satz 4 SGB VIII), ist es legitim, dass der/die Jugendarbeiter/-in die Adressat(inn)en der eigenen Arbeit in Protestformen einbezieht, um gemeinsam die Umsetzung der erforderlichen Änderungen zu erstreiten.

    • Der Hinweis auf die Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes reicht nicht, um Nichtstun zu rechtfertigen. Wir alle sind verantwortlich für unsere Arbeit und unsere Arbeitsbedingungen.

  1. Auf der Ebene der Träger der Jugendarbeit

Die Träger erfüllen eine besondere Funktion innerhalb der Jugendhilfe. Die freien Träger sollen mit dem öffentlichen Träger „zum Wohl junger Menschen und ihrer Familien partnerschaftlich zusammenarbeiten“ (siehe § 4 Abs. 1 SGB VIII). Damit ist klar, dass es nicht nur um die Erfüllung staatlicher Aufträge geht, sondern um die gemeinsame Verantwortung für die Lebens- und Aufwachsbedingungen.

 

    • Um die Lebens- und Aufwachsbedingungen zu verbessern, muss die Partnerschaft gelebt werden, d.h., dass auch durch die freien Träger Diskussionsprozesse initiiert werden müssen.

    • Das SGB VIII spricht selbst nicht von Dienstleistungen, wenn Aufgaben und Verantwortungen von freien Trägern gemeint sind. Jugendarbeit „verkauft“ keine Leistungen, sondern leistet wertegebundene Arbeit. Im Zentrum dieser Arbeit müssen die Interessen der jungen Menschen und nicht die Interessen der Träger stehen.

    • Wer eine nachhaltige Jugendarbeit will, muss den eigenen Mitarbeiter(inne)n Zeit und Raum für Vernetzung, Teamberatung, Weiterbildung, Supervision und gesellschaftsgestaltendes (also politisches) Handeln ermöglichen. Mindestens 30 Prozent der Arbeitszeit sollten die Mitarbeiter/-innen dafür zur Verfügung gestellt bekommen.

    • Die freien Träger müssen eine Zusammenarbeit im Sinne ihrer gemeinsamen Verantwortung leisten. Einen Wettbewerb über die Finanzen kann sich die Jugendarbeit nicht leisten, was auch bedeuten kann sich gemeinsam gegenüber dem öffentlichen Träger zu positionieren.

    • Rein kontextbezogene, projekthafte und zeitlich befristete Angebote der Jugendarbeit werden vom öffentlichen Träger in letzter Zeit massiv nachgefragt. Hier sollten die freien Träger kritischer als bisher nachdenken, ob die ausgeschriebenen Maßnahmen und Angebote wirklich sinnvoll sind oder ob es hier nur um die Sicherung von Arbeitsplätzen geht. Denn die Sicherung von Arbeitsplätzen kann kein Argument im Sinne des SGB VIII sein.

    • Freie Träger der Jugendarbeit sollten sich davor hüten, auf jedes neue Thema in der Jugendarbeit bedenkenlos aufzuspringen. Vor allem der aktuelle Trend, erneut Zwangskontexte (Maßnahmen der geschlossenen Unterbringung, öffentliche Inszenierung von Jugendarbeit, „Fallmanagement“ der ARGEN, etc.) zu etablieren, muss verhindert werden. Gleichzeitig müssen die Angebote der Jugendarbeit im Sinne eines Bezuges zur Lebenswelt junger Menschen kritisch geprüft und weiterentwickelt werden.

    • Haustarife, die vom TVÖD/BAT nach abweichen, sind inakzeptabel! Darüber hinaus müssen sich die Träger mit ihren Mitarbeiter(inne)n dafür einsetzen, dass die Einstufungskriterien nach TVÖD/BAT eingehalten werden, welches die gerechte Entlohnung von Praktikant(inn)en mit einschließt. Die dafür nötigen Gelder sind vom öffentlichen Träger zur Verfügung zu stellen.

Insgesamt muss sich die politische Arbeit der Jugendarbeiter/-innen und freien Träger verstärkt an der Frage orientieren: Wie Machen wir eigentlich Jugendarbeit für die Jugendlichen?

Positionspapier zum Herunterladen

PP_politische_Jugendarbeit.pdf

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