HERZLICHE EINLADUNG:

In seiner 16. Veranstaltungsreihe diskutierte der AKS Dresden mit Praktiker*innen, Hochschulvertreter*innen und Interessierten die Themen Flucht, Migration und Asyl sowie Spannungsfelder Sozialer Arbeit. Im Nachgang entstand das vorliegende Denkpapier. Es dokumentiert begonnene Diskussionen und führt sie zum Teil weiter.

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Jugendhilfe zwischen Förderung junger Menschen - Kinderschutz und Sozialhygiene!

Seit Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes in Ost und West hat die Jugendhilfe einen massiven Wandlungsprozess durchgemacht. Lebensweltorientierung, Entspezialisierung und Partizipation schienen auf dem Wege zu sein, die Struktur bestimmenden Leitlinien zu werden.

Aber scheinbar haben diese überzeugenden Strukturmaximen eben nicht die Entwicklung bestimmt. Eher sind es folgende Tendenzen:

  • die Vernachlässigung der Förderung junger Menschen zu Gunsten von kontrollierendem Kinderschutz,
  • die formale Einführung von „Beschwerdemanagment“-Technologien statt den Aufbau wirksamer Partizipation von Mädchen, Jungen und ihrer Familien,
  • der Ausbau der Monopolstellung der Öffentlichen Träger der Jugendhilfe als „Wettbewerbskontrollbehörde“ zu Lasten einer kooperativen Jugendhilfeplanung und partnerschaftlicher Verantwortung Planung und Gestaltung der Kinder- und Jugendhilfe,
  • der Abbau von leistungsfähiger Infrastruktur mit der Renaissance der Konzentration und Respezialisierung bei den Angeboten,
  • die Orientierung an vorwiegend betriebswirtschaftlichen Prinzipien,
  • die Errichtung von „Reservaten des Misslingens“ (Galuske), in denen Exklusion lediglich verwaltet wird, statt an den „Aufwachsbedingungen“ (KJHG) grundlegend zu arbeiten,
  • die technokratische Entgeltvereinbarung mit Fachleistungsstunden, Grundleistungen, Zusatzleistungen und der Vernachlässigung lebensweltorientierter Leistungen,
  • die Marktrealisierung in der Jugendhilfe zu Lasten von Fachstandards und Partnerschaft der Akteure.

Diese Tendenzen in Verbindung mit dem ökonomischen Druck auf Sozialleistungen und der moralischen Diskreditierung von „Sozial Schwachen“ lassen die Frage aufkommen, ob die Kinder- und Jugendhilfe ihren gesellschaftlichen und gesetzlichen Auftrag noch erfüllt. So warnt die Bundesarbeitsgemeinschaft des Allgemeinen Sozialen Dienste vor der zunehmenden Angst der BürgerInnen vor dem Jugendamt. Der Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich befürchtet die Rückkehr der Sozialen Arbeit zur „Sozialhygiene“ und Diskussionspapiere (z. B. des Jugendsenators in Hamburg) fordern die Einschränkung von Leistungsrechten.

Der AKS Dresden will mit seiner Veranstaltungsreihe im Frühjahr 2013 mit drei Blicken diesen Fragen nachgehen und fragen: Wo steht die Jugendhilfe zwischen Förderung junger Menschen - Kinderschutz und Sozialhygiene!

23. April, 19-21 Uhr: "Die neue Angst vor dem Jugendamt"
Referent: Prof. Dr. Manfred Neuffer, Hamburg

29. Mai, 19-21 Uhr: "Schutz oder Kontrolle"
Referent: Prof. Dr. Reinhold Schone, Münster

18. Juni, 19-21 Uhr: "Schützt der Kinderschutz noch die Kinder?"
Referent: Prof. Dr. Reinhart Wolff, Berlin


Veranstaltungsort jeweils: Evangelische Hochschule Dresden (Dürerstraße), Zi. 3.215

mit freundlicher Unterstützung durch:
Rosa-Luxemburg-Stiftung
AStA der Evangelischen Hochschule Dresden
Freundeskreis der Evangelischen Hochschule Dresden

Veranstaltungen im Einzelnen:

23. April, 19-21 Uhr: "Die neue Angst vor dem Jugendamt"
Referent: Prof. Dr. Manfred Neuffer, Hamburg

Die Jugendhilfe und die Jugendämter stehen unter zunehmender
öffentlicher Beobachtung. Kindstötungen und Kinderschutzfälle lenken den
Blick auf vermeintlich überforderte Strukturen, seltener auf die
Unterfinanzierung der Jugendhilfe und kaum je auf die Nebenfolgen einer
solchen medial überformten Debatte. Die Bundesarbeitsgemeinschaft
ASD/KSD wies im Oktober des letzten Jahres darauf hin, dass durch eine
pauschale Kritik an der Jugendhilfe und die Forderung nach mehr
Kontrolle, Eingriff und neuen gesetzlichen Regelungen „Ressentiments
gegenüber den Jugendämtern und den dort tätigen Fachkräften in der
Bevölkerung“ verbreitet werden. Damit würde gerade der Kinderschutz
nicht gestärkt. Mit dem  Hamburger Professor Manfred Neuffer
wollen wir diskutieren, welche strukturellen Eingriffe in die
Jugendhilfe und welche programmatischen Um-definitionen zentraler
jugendhilflicher Begriffe zu einer neuen Angst vor dem Jugendamt geführt
haben und welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die beruflichen
Selbstkonzepte der ASD- Mitarbeiter_innen haben.

 

29. Mai, 19-21 Uhr: "Schutz oder Kontrolle"
Referent: Prof. Dr. Reinhold Schone, Münster

Spätestens seit der Wiederentdeckung des Themas Kindeswohlgefährdung ist
es wieder vonnöten, die Gewichtung des Verhältnisses von Hilfe und
Kontrolle in der Jugendhilfe grundsätzlich zu thematisieren. Die
Bestimmung dieses Verhältnisses ist aktuell in starkem Maße abhängig von
einem öffentlichen Diskurs, der bestimmt ist durch die weitgehende
Leugnung gesellschaftlicher Ursachen individueller Problemlagen. Daraus
droht die Entwicklung einer "Kultur der Kontrolle" (Reinhold Schone), in
der die Jugendhilfe überwacht, kontrolliert und paternalistisch
eingreift. So wichtig und richtig das im Einzelfall sein kann, so
untauglich und geschichtsvergessen wäre es als Prinzip. Mit Reinhold
Schone wollen wir diskutieren, inwieweit Kontrolle zum (im doppelten
Sinne) beherrschendenHandlungsmuster in der Jugendhilfe geworden ist und
wohin der Weg zu gehen scheint: Hilfe oder Kontrolle, Strafe oder
Ermächtigung, Normalisierung oder Befähigung?"

18. Juni, 19-21 Uhr: "Schützt der Kinderschutz noch die Kinder?"
Referent: Prof. Dr. Reinhart Wolff, Berlin

Kinder- und Jugendhilfe hat per Gesetz wie vom fachlichen Verständnis den Anspruch, Mädchen und Jungen, Kindern und Jugendlichen die erforderlichen Unterstützungen zu geben.

Die mediale Berichterstattung von Kinderschutzfällen in den zurückliegenden Jahren hat dem System der Kinder- und Jugendhilfe vielfach Schwachstellen diagnostiziert, gleichzeitig jedoch auch sichtbar gemacht, dass es unzureichende Ausstattungen gibt. Es wurde gesetzlich und strukturell nachgesteuert und eine inhaltliche Debatte angestoßen die aktuell immer noch anhält. Kinderschutz und Frühe Hilfen wurden vordergründig ins Zentrum des Handelns gestellt, jedoch wurden die dafür notwendigen Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt.

Die Auseinandersetzung über die Risiken des so verstandenen Kinderschutzes und damit auftauchende systembedingte Fehler und Fehleinschätzungen wurde häufig nur einseitig bezogen z.B. auf die Personalausstattung, Qualitätsentwicklung oder Organisationsstrukturen geführt. Mit Reinhart Wolff wollen wir den Diskurs ganzheitlich betrachten und dabei seine Vision eines dialogisch-demokratischen Kinderschutzes in den Blick nehmen.

Flyer zur Veranstaltungsreihe 2013

Flyer_all_end.pdf

PowerPoint-Präsentation der Veranstaltung „Kontrolle und Strafe unter dem Deckmantel von Schutz und Fürsorge“ mit Reinhold Schone

Dresden_29.05.13.pdf